«Es gehören immer zwei dazu» – Warum dieser Satz bei narzisstischem Missbrauch gefährlich ist
Von Melanie Alexander · 19. Oktober 2026 · 4 Min. Lesezeit

Kürzlich erreichte mich eine Nachricht, die mich bewegt hat. Eine Teilnehmerin meiner Vorlesung schrieb mir folgende Zeilen:
«Ich war über zwei Jahrzehnte mit einem Narzissten verheiratet und hatte Kinder mit ihm. Nach der Scheidung brauchte ich Jahre, um zu erkennen, was eigentlich passiert ist. Ihre Vorlesung hat meine eigenen Vermutungen und Recherchen bestätigt. Ich glaube, dass mein Kompass nun endgültig wieder funktioniert und ich nun wirklich am Ende eines langen Verarbeitungs- und Erkennungsprozesses angelangt bin. Ihre Vorlesung war Gold wert für mich!»
Meiner Seele ist beim Lesen dieser Zeilen ein tiefer Seufzer entsprungen. Es berührt mich, wenn jemand endlich die lang ersehnte Validierung erfährt. Was für ein Sieg!
Sandra und ich sind uns nie persönlich begegnet – und trotzdem kann ich ihren Weg nachfühlen. Die Erfahrung mit narzisstischen Dynamiken verbindet. Wer diese perfiden Mechanismen nicht selbst erlebt oder intensiv studiert hat, kann sich das Ausmass der Folgen kaum vorstellen.
Sandra beschrieb in ihrer E-Mail auch, wie sie immer wieder an sich gezweifelt hat, weil selbst das engste Umfeld mit gut gemeinten Ratschlägen Unsicherheit säte: «Es gehören immer zwei dazu!» oder «Ihr hättet halt mehr miteinander reden sollen…»
Weil die Strategien narzisstischer Manipulation so subtil sind, geraten Betroffene schleichend in eine Isolation und werden selbst von ihren liebsten Menschen infrage gestellt. Zu sagen, es brauche immer zwei, legitimiert den Missbrauch und verdreht die Tatsachen. Oft schwingt in solchen Aussagen auch eine unbewusste Überheblichkeit mit: Unter Erwachsenen kann man doch reden. Und darauf folgt nicht selten eine entwürdigende Mitleidshaltung: «Die Arme, sie begreift es einfach nicht. Warum packt sie nicht einfach die Koffer?»
Aus einer solchen Beziehungsdynamik auszusteigen, ist jedoch kein Spaziergang. Es ist eine mentale und emotionale Höchstleistung. Ein Befreiungsschlag, um wieder unbestritten das Ruder über die eigene Innenwelt zu übernehmen, die einem Stück für Stück entzogen wurde. Die unsichtbaren Fesseln werden im Nervensystem angelegt – im Körper, im Geist, in den Gedanken.

In meinen Vorlesungen stelle ich von Anfang an klar: Ich bin nicht hier, um Pathologien zu diffamieren, noch stelle ich die Verhaltensweisen der Gegenseite in das Scheinwerferlicht. Mein Anliegen ist es, Menschen ihren eigenen, verlässlichen Kompass wieder zugänglich zu machen.
Sandras Navigation bestand aus Blogs, Erzählungen, Büchern, Weiterbildungen und dem Besprechen von Fallbeispielen. Dass meine Vorlesung zu einem Schlüsselstein in ihrem Mosaik wurde, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Meine jahrelange Recherche habe ich ebenfalls zahlreichen Quellen zu verdanken, wofür ich meine Anerkennung ausdrücken möchte.
An dieser Stelle wünsche ich dir, liebe Leserin, lieber Leser: Mögest auch du deinen inneren Kompass wiederfinden. Es ist möglich – egal wie viele Jahre vergangen sind. Am Horizont wartet ein selbstbestimmtes, freies Leben auf dich.
Galaktische Grüsse
Melanie
Finde deinen Kompass wieder.
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